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Prof. Dr. Georg Theunissen

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Prof. Dr. Theunissen

Prof. Dr. Georg Theunissen
Zimmer: 137, Haus 31, Fr. Stiftungen
Telefon: (0345) 5523755
Fax: (0345) 5527049
Mail:

Sprechzeit:

Mittwoch, 12:45 - 13:45 Uhr

Sprechzeiten in der semesterfreien Zeit

03.02.2016                  12:15 Uhr – 13:15 Uhr

10.02.2016                  08:30 Uhr – 09:30 Uhr

18.02.2016                  11:00 Uhr – 12:00 Uhr


Im März ist keine Sprechstunde!!

Funktionen

  • Leiter des Arbeitsbereichs der Pädagogik und Sozialen Arbeit bei Menschen mit geistiger Behinderung oder kognitiven Beeinträchtigungen
  • Prodekan (2004-2006)
  • Dekan (2006-2010)

Vita

Georg Theunissen, geb. 1951 in Bergisch-Gladbach (NRW), verheiratet und Vater von vier Kindern, ist in Langenfeld/Rh. aufgewachsen, lebte viele Jahre im Rheinland und in Köln, wohnt seit 1990 in Freiburg/Breisgau.

Er hat in Köln Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Heil- und Sonderpädagogik mit den Fachrichtungen Verhaltensauffälligen- und Lernbehindertenpädagogik sowie Heilpädagogische Kunsterziehung studiert.

1979 hat er in Köln mit dem Thema „Curriculare und extracurriculare Arbeitsformen in der ästhetischen Erziehung bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen" promoviert.

Seit 1989 ist er Hochschullehrer. Bevor er für die Leitung des Arbeitsbereichs für Geistigbehindertenpädagogik in Halle berufen wurde, war er fünf Jahre Professor für Heilpädagogik an der Katholischen Fachhochschule Freiburg.

In seinem fachlichen Selbstverständnis ist er insbesondere von seinen „Lehrern" Hans-Günther Richter (heilpädagogische Kunsterziehung und pädagogische Kunsttherapie), Paul Röhrig (Allgemeine Pädagogik und Erwachsenenbildung), Leo Kofler (Soziologie) sowie von der Studenten- und Emanzipationsbewegung um 1970 geprägt.

Angeregt durch seinen Zivildienst Anfang der 1970er Jahre, bei dem er auf einer „Hauptunruhe" und „Unruhestation" einer großen psychiatrischen Landesklinik eine skandalöse, menschenverachtende Praxis miterleben musste, war er von 1980 bis 1988 pädagogisch leitend tätig in großen Behinderteneinrichtungen, davon acht Jahre im Heilpädagogischen Heim Langenfeld, welches aus dem damaligen psychiatrischen Landeskrankenhaus Langenfeld als Behinderteneinrichtung herausgelöst und verselbstständigt wurde.

Seine Arbeitsschwerpunkte bezogen sich während dieser Zeit auf Strukturreformen großer Behinderteneinrichtungen, insbesondere auf die Enthospitalisierung von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen (Autismus) sowie deren Integration in gesellschaftliche Bezugsfelder. Fachwissenschaftlich ging es ihm dabei um die Erarbeitung, Durchführung und Evaluation eines behindertenpädagogisch geprägten Konzepts als Alternative zur damaligen gefängnisartigen Verwahrpsychiatrie sowie um die Schaffung alternativer Lebensformen zu totalen Institutionen wie psychiatrischen Anstalten, Pflege- oder Behindertenheimen. Hierbei trat er als engagierter Institutionskritiker und Reformer in Erscheinung, der im Vereine mit der sozialpsychiatrischen Bewegung und ihren Initiativgruppen den Konflikt mit der konservativen Sozial- und Gesundheitspolitik, Psychiatrie und Heilpädagogik nicht scheute.

Es gelang ihm zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Mitstreitern eine tragfähige Konzeption einer Alltagsarbeit und speziellen Pädagogik zu entwickeln und erfolgreich zu implementieren, die bis heute als lebensweltbezogene Behindertenarbeit viel Zuspruch erfährt. Seine viel beachtete Schrift „Wege aus der Hospitalisierung" (2000) hat an dieser Stelle ihren Platz, die soeben durch ein neues Standardwerk zeitgemäßer Heilpädagogik mit dem Titel „Lebensweltbezogene Behindertenarbeit und Sozialraumorientierung“ (2012) abgelöst wurde.

Bereits Ende der 1980er Jahre galt seine Aufmerksamkeit dem aus den USA stammenden Empowerment-Konzept, welches von ihm alsbald im Rahmen seiner Konzeption aufgegriffen, für die Heilpädagogik theoretisch aufbereitet und als Wegweiser einer modernen Behindertenarbeit ausgewiesen wurde. Das Empowerment-Konzept steht bis heute im Fokus seiner fachwissenschaftlichen Arbeit, die sich darüber hinaus seit Beginn der 1980er Jahre mit der Frage der Pädagogik bei Menschen mit Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen befasst.

In dem Zusammenhang ging und geht es ihm um die Entwicklung und Erprobung pädagogisch-therapeutischer Konzepte als Alternative zu psychiatrischen oder psychotherapeutischen Ansätzen. Auch in dem Falle führten bereits seine frühen Studien zu einer tragfähigen Konzeption, deren Markenzeichen die so genannte Stärken-Perspektive ist. Theunissens Standardwerk der Geistigbehindertenpädagogik „Geistige Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten" (2011) ist ein Beleg dafür. Diese Schrift fokussiert das an der Stärken-Perspektive anknüpfende Konzept der „Positiven Verhaltensunterstützung" (Positive Behavior Support), welches als ein evidenzbasiertes Interventionsmodell vor allem in den USA sowohl im schulischen Bereich als auch in der außerschulischen Behindertenarbeit immer mehr Zuspruch erfährt.

Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt beteiligt sich Theunissen aktiv an der Behinderten- und Gesundheitspolitik, zum Beispiel durch ehrenamtliche Mitarbeit, Vorstands- und Beratungstätigkeit in mehreren Organisationen, Fachverbänden oder Vereinen.

Sein grundsätzliches Interesse gilt dabei Fragen der Unterstützungssysteme aus der Sicht behinderter Personen sowie im Sinne der Menschenrechte. Das betrifft insbesondere eine Politik der gesellschaftlichen Nicht-Aussonderung, Antidiskriminierung und Partizipation von Menschen mit Behinderungen. Seine Bilanz des derzeitigen Entwicklungsstands der gesellschaftlichen Inklusion behinderter Menschen, vor allem im Hinblick auf ein häusliches Wohnen, fällt eher nüchtern aus. Daher gilt es für Theunissen, politisch bedeutsame Aktionen, die die Stimme Betroffener repräsentieren wie zum Beispiel die Bundesinitiative „Daheim statt Heim", fachlich und fachwissenschaftlich zu unterstützen.

Neben diesem Engagement begleitet Theunissen aber noch ein weiteres Interesse, das der Bedeutung des Ästhetischen gilt und zusammen mit Empowerment den fühlbaren Hintergrund seines Verständnisses einer Heilpädagogik bildet.

So ist es ihm nunmehr schon seit über 30 Jahren um eine Heilpädagogik als Ästhetische Erziehung zu, die zu facettenreichen Anregungen und Querverbindungen führt, sei es, dass Möglichkeiten einer pädagogischen Kunsttherapie und Kunstpädagogik in Bezug auf Menschen mit Lernschwierigkeiten und Personen aus dem Autismus-Spektrum erkundet werden oder dass vor kurzem eine Außenseiter-Kunst unter besonderer Berücksichtigung von Personen mit so genannten Savant-Fähigkeiten, intellektuellen und seelischen Behinderungen in den Blick des Forschers genommen wurde. Diese Untersuchungen waren für Theunissen zugleich anregend für Fragen des Zusammenhangs zwischen Savant-Fähigkeiten und autistischem Verhalten, von denen aus eine Diskussion über einen an Stärken und Spezialinteressen orientierten Ansatz quasi als Gegenmodell zur bisher weit verbreiteten Pathologisierung von Personen aus dem Autismus-Spektrum befördert wurde. Hierbei fanden zugleich Stimmen und Sichtweisen betroffener Personen nachhaltig Beachtung.

Vor diesem Hintergrund haben wir es heute mit einem „neuen Denken“ in Bezug auf Autismus zu tun, mit einer funktionalen, verstehenden Sicht und einer Würdigung positiver Attribute – eine Empowerment-Perspektive, die nicht nur von einem Autism Rights Movement oder von prominenten Persönlichkeiten aus dem Autismus-Spektrum vertreten wird, sondern zusehends auch im Lager der Autismusforschung Zuspruch findet.

Mit diesem radikalen Perspektivenwechsel sollte freilich nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden. Autismus ist eine Stärke und Herausforderung zugleich. Aus pädagogischer Sicht dürfen vor allem Herausforderungen in Bezug auf Verhaltensprobleme und soziale Konflikte für ein Leben in Inklusion nicht ignoriert werden. Sich diesem Thema zu stellen, betrachtet Theunissen als eine seiner zukünftigen Aufgaben im Rahmen der seit Juni 2012 erweiterten Professur im Hinblick auf eine „Pädagogik bei Autismus“. Mit einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in den USA (Kalifornien/Los Angeles), dessen Ergebnisse in Bezug auf ein „Leben mit Autismus“ demnächst veröffentlicht werden, wurde hierzu bereits ein wichtiger Schritt getan.

Fachliches Grundverständnis und fachwissenschaftlicher Standort

  • Vertreter einer kritisch-konstruktiven Heilpädagogik in Orientierung an W. Klafkis um 1970 begründete „kritisch-konstruktive Erziehungswissenschaft“; seine wissenschaftstheoretische Position ist in Theunissen, G. (2000): Wege aus der Hospitalisierung, Bonn (Psychiatrie-Verlag) und v. a. in Theunissen, G. (2007): Empowerment behinderter Menschen, Freiburg (Lambertus-Verlag) nachlesbar.
  • Vertreter des Empowerment-Konzepts in der Behindertenarbeit; Bezugswerte des von ihm vertretenen Konzeptes, welches aus US-Bürgerrechtsbewegungen v. a. des Schwarzen Amerikas, der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und der „Pädagogik der Unterdrückten“ (P. Freire) hervorgegangen ist, sind: Selbstbestimmung, kollaborative und demokratische Partizipation (Mitbestimmung) sowie Verteilungsgerechtigkeit (Chancengleichheit, gerechte und faire Verteilung von Ressourcen) – Aspekte, die mit dem von W. Klafki präzisierten Bildungs- und Emanzipationsverständnis korrespondieren. Richtungsweisend für das Empowerment-Konzept sind Rechte und Interessen behinderter Menschen und ihrer Angehörigen (Eltern behinderter Kinder).Das gilt insbesondere für Inklusion im Sinne uneingeschränkter Zugehörigkeit und Nicht-Aussonderung behinderter Menschen aus der Gesellschaft.
  • Vertreter eines systemisch-ökologischen Grundverständnisses in Bezug auf Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen: Geistige Behinderung gilt als ein soziales Zuschreibungskriterium, als ein Etikett, welches Menschen auferlegt wird, die angesichts spezifischer Beeinträchtigungen auf kognitiver, motorischer, sensorischer, emotionaler, sozialer und aktionaler Ebene und darauf abgestimmter Bewältigungsstrategien einen entsprechenden ressourcenorientierten Unterstützungsbedarf (needed support) zur Verwirklichung der Grundphänomene menschlichen Lebens benötigen, der von lebensweltbezogenen Maßnahmen (environmental changes) nicht losgelöst betrachtet werden darf. Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen werden ebenfalls in einem bio-psycho-sozialen Zusammenhang gesehen: Sie lassen sich nicht einzig und allein an einer Person festmachen, sondern sollten als Ausdruck einer „Stoffwechselstörung“, als Störung des Verhältnisses zwischen Individuum und Umwelt (Mitmenschen, Dinge, Begebenheiten) verstanden werden; und diese „Beziehungsstörung“ versucht ein betroffener Mensch durch spezifische problemlösende Verhaltensweisen zu bewältigen, die von Anderen oder auch von ihm selbst als normabweichend wahrgenommen werden. Nicht die auffällige Person, sondern ihre Wechselbeziehung mit der Umwelt erscheint somit als „gestört“. Dementsprechend wird einer Defizitorientierung oder individuumzentrierten Behandlung eine deutliche Absage erteilt; favorisiert werden die im Empowerment-Konzept angelegte Stärken-Perspektive und lebensweltbezogene Maßnahmen.

Arbeitsschwerpunkte

  • Enthospitalisierung, Deinstitutionalisierung und gemeindenahe Wohnformen für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung - Ästhetische Erziehung und pädagogische Kunsttherapie bei Menschen mit Lernschwierigkeiten und seelischer Behinderung - Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen bei Menschen mit Lernschwierigkeiten - Erwachsenenbildung und Altenarbeit - unter besonderer Berücksichtigung des Personenkreises der geistig behinderten Menschen - Empowerment und Heilpädagogik - unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Lehrschwerpunkte

  • Einführung in die Soziale Arbeit und Pädagogik bei Menschen mit geistiger Behinderung - Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung - Pädagogisch-therapeutische Konzepte in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen Enthospitalisierung, Deinstitutionalisierung und lebensweltbezogene Behindertenarbeit - Kunst, Ästhetische Praxis und Geistige Behinderung - Erwachsenenbildung und Altenarbeit mit geistig behinderten Menschen - Empowerment als Wegweiser für die Soziale Arbeit und Pädagogik bei Menschen mit Lernschwierigkeiten - Basale Anthropologie und Fragen der Ethik unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit schwerer geistiger- und mehrfacher Behinderung - Psychische Störungen unter besonderer Berücksichtigung des Personenkreises der geistig Behinderten

Nachruf Hans-Günther Richter
Nachruf Hans-Günther Richter.pdf (65 KB)  vom 12.01.2016

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